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Losung und Lehrtext für Mittwoch, 13. Dezember 2017:

Ich gab ihnen meine Sabbate zum Zeichen zwischen mir und ihnen.
Bewahre das kostbare, dir anvertraute Gut in der Kraft des heiligen Geistes, der in uns wohnt.
 
(c) Evangelische Brüder-Unität - Herrnhuter Brüdergemeine
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Januar 2012

 

Gottes Kraft - in aller Freude, in allem Leide

Gedanken zur Jahreslosung 2012 - nach einer Predigt zu Neujahr in der Ev. Stadtkirche Borken
 

Entdecke die Möglichkeiten! So titelt ein schwedisches Einrichtungshaus – und meint seine Angebote: Eine Bratpfanne namens Grilla. Ein Bett namens Odda oder den Coachtisch Gunnerud. Entdecke die Möglichkeiten – wohnst du noch oder lebst du schon? Hast du im zu Ende gehenden Jahr nur in einem Leben gewohnt, dich eingerichtet zwischen den Sorgen und der Mühe? Oder lebst du bereits – gehst mutig neue Herausforderungen an, nimmst gelassen auch mal einen Umweg in Kauf?

Entdecke diese Möglichkeiten des Lebens. Entdecke die Möglichkeiten Gottes mitten im Leben. Lerne sie zu sehen. Dies gilt für das neue Jahr, das vor uns liegt. Ein weiteres Jahr gilt es da zu entdecken. Auf den alten Wegen, die weiter begehbar sind. Auf neuen Wegen, die uns reizen und uns begeistern. Neue Weiten, die uns einladen, Luft des Lebens zu atmen. Mit vertrauten Weggefährten, die an der Seite gut tun. Mit sicheren Orten, von denen wir getrost aufbrechen. An die wir zurückkehren können. Entdecken wir doch die Möglichkeiten, die das neue Jahr uns bringen wird. 

Ja, ein neues Jahr hat begonnen. Neues wartet auf uns. In aller Freude. In allem Leide. Denn wir wissen nur zu gut – gerade weil wir aus dem Jahr 2011 kommen – auch das neue Jahr birgt seine Tiefen.

  • Da wird es Dinge geben, die das Leben zwischen Himmel und Erde bedrohen.
  • Da werden wir Momente wohl durchleiden müssen.
  • Da werden uns Dinge begegnen, die uns Kraft kosten.

Das alles ahnen wir – gerade weil wir aus dem Jahr 2011 kommen, in dem wir gewohnt haben, das wir gelebt haben in aller Freude. Und in allem Leide.

Ja, und das ist unser Gepäck der Erinnerung – all das, was wir ahnen oder gar befürchten. Das, was wir an Erfahrungen mitnehmen hinein in das neue Jahr. Und das ist – vielleicht kann ich es so sagen – das ist die Erfahrung von Schwäche. Ich vermute, viele unserer Dinge aus 2011, die uns vor Gott klagen lassen, lassen sich umschreiben mit dem Begriff der Schwäche, des Schwach- Seins.

  • Schwach sein – traurig sein. Da lähmt mich meine Traurigkeit über einen Abschied. Ich bin einsam in meiner Traurigkeit über scheinbar nicht veränderbare Verhältnisse.
  • Schwach sein – krank sein. Wenn meine Beine mich nicht tragen, wenn die Kraft nicht reicht, den Becher zu halten – da ist Ohnmacht. Auch wenn ich am Bett des anderen stehe, wache und bete, wie schwach fühle ich mich da! 
  • Schwach sein – scheitern an Anforderungen und Aufgaben. Wie klein, wie schwach fühle ich mich, wenn ich erlebe, dass ich die Anforderungen des Berufes nicht bestehe. Wenn es mir droht unter zu gehen, zu versinken in Aufgaben, die mir gestellt sein.
  • Schwach sein – in Streit leben. Ich bin zu schwach, ich finde nicht die Kraft, den Mut, den ersten Schritt zu tun. 

All das macht uns müde, macht uns schwach. Macht uns angreifbar. Macht uns untätig. Macht uns mutlos. Gerade auch im Blick auf das Jahr 2012, das so unentdeckt, unbegangen vor uns liegt.

Und mit diesen, unseren starken, mächtigen Erinnerungen von Schwach-Sein, die wir nicht einfach an der Schwelle zum neuen Jahr ablegen können, hören wir Worte der Bibel.

 

Jesus Christus spricht:
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Die Bibel. 2. Korinther 12,9

 

Es sind die Worte der Jahreslosung 2012. Worte der Bibel, die uns begleiten mögen in das neue Jahr. In unseren Entdeckungen, die auf uns warten. Der Apostel Paulus hat diese Worte gehört. Worte im Gebet, in der Zwiesprache mit Gott.


Jesus Christus spricht:
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Der Apostel Paulus war ein kranker Mann. Krank an Leib und mitunter an der Seele. Aus so manchen Notizen in seinen Briefen hören wir, dass er starke körperliche Beschwerden, Schmerzen gehabt haben muss. Dinge, die ihn behindern in seinem Auftrag. Die seine Pläne und Vorhaben mitunter durchkreuzen. Und wir hören von Paulus, dass er immer wieder zu Gott betet. Um Besserung, um Genesung, um einen neuen Weg. Und die Antwort auf dieses eindringliche, immer wiederkehrende Gebet von Paulus sind die Worte der Jahreslosung: Eine fast zynische Antwort Gottes. Gott gewährt Paulus keine Heilung von seinen Gebrechen, sondern belässt ihn in seinen Schmerzen, in seiner körperlichen Not. Und sagt stattdessen:

 

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Tröstliche Worte für das Jahr 2012? Ein herausfordernder Satz für das Jahr 2012? Ich weiß es nicht. Länger habe ich versucht, Beispiele zu finden für diesen Satz. Ich habe gesucht nach Beispielen, in denen sich dieser Satz Jesu Christi beweist, sich als glaubwürdig erweist, ja, sich so zeigt, dass ich im Vertrauen auf Gott das Jahr 2012 beginne, dass ich meine Zögerlichkeit beim Betreten des Jahres 2012 ablegen kann.

Ja, durchaus sind mir Beispiele eingefallen. Ich habe Beispiele in Auslegungen und Predigten anderer Kollegen zu diesen Worten der Jahreslosung gefunden.

  • Ein hilfloser Säugling – in seinem Schreien hören wir eine ursprüngliche Lebenskraft, die uns ins Herz trifft.
  • Ein zartes Küken befreit sich aus der Eierschale. Aus einem scheinbar toten Ei erwacht neues, quirliges Leben. 
  • Die schwachen Ameisen, die zwar nicht Bananen oder Äpfel, jedoch aber  ihr 100-faches Körpergewicht tragen können. 
  • Und schließlich ganz theologisch – an Weihnachten kommt uns der allmächtige Gott als Kind in der ärmlichen Krippe nahe, das am Kreuz schwach und elend sterben wird, jedoch uns damit die Kraft der Vergebung und die unbändige Hoffnung der Auferstehung schenken wird. 

Aber ich habe gemerkt, eigentlich ist meine Suche nach einem Beispiel noch nicht ans Ziel gekommen. Irgendwie sind diese Beispiele stimmig. Aber irgendwie bin ich nicht vertraut mit dieser Sichtweise der Kraft Gottes auf Erden. Ich bin nicht vertraut, ich bin nicht geübt, die Erkennungsmelodie der Kraft Gottes im Leben herauszuhören. Ich höre sie nicht, vielleicht zu zart,

  • an den Gräbern des Lebens
  • selbst krank liegend oder wachend am Bett des anderen
  • im Scheitern an den Aufgaben des Berufes
  • im Streit mit anderen

Ich bin nicht vertraut, ich bin nicht geübt, die Erkennungsmelodie der Kraft Gottes im Leben herauszuhören.

Jesus Christus spricht:
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Ich bleibe Ihnen und euch eine Antwort schuldig, eine Antwort, die dies belegen kann, dass dem so ist. Daher noch einmal der Satz von Beginn der Predigt: Entdecke die Möglichkeiten. Ein Jahr liegt vor uns. Es ist unsere Aufgabe, ermutigende Beispiele für die Kraft Gottes in den Schwachen zu finden. 

  • Wo werden wir die Kraft Gottes sehen – in der Trauer: Ist es Dankbarkeit an das vergangene, gemeinsame Leben?
  • Wo werden wir die Kraft Gottes sehen – in der Krankheit: Ist es das Lächeln des anderen?
  • Wo werden wir die Kraft Gottes sehen – im Scheitern: Ist es der Anstoß zu etwas Neuem, das so nicht möglich gewesen wäre? 
  • Wo werden wir die Kraft Gottes sehen – im Streit: Ist es das Nachdenken über neue Wege? 

Seien wir hier wie die Kinder: Gehen wir im neuen Jahr neugierig auf die Suche nach der Kraft, die die Ameise den Apfel und die Banane stemmen lässt. Eine Kraft, die uns zugesprochen ist, wenn unsere Gebete wie beim Apostel Paulus nicht erhört werden. Wenn wir scheinbar in der Schwachheit belassen werden. Seien wir wie die Kinder und machen uns auf den Weg, die Möglichkeiten Gottes zu entdecken, so dass wir beginnen zu leben und nicht zu wohnen in unserer Traurigkeit, so dass wir beginnen zu leben und uns nicht einzurichten in unserer Angst und Sorge, sondern hineinzuleben in das Vertrauen unter dem weiten Himmel Gottes. Entdecke die Möglichkeiten – an 365 Tagen. Auf dass wir hören lernen die Erkennungsmelodie der Kraft Gottes, die durchträgt, die durchhält. Denn

 

Jesus Christus spricht:
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Angela Lehmann 01/2012